Kognitive Technologien: So könnten Watson &Co die integrierte Kommunikation verändern

Einer der Trends, die die Welt beschäftigen, sind kognitive Technologien. Welche Möglichkeiten ergibt das für den Kommunikationsprofi?

Einer der Trends, die die Welt beschäftigen, sind kognitive Technologien. Welche Möglichkeiten ergibt das für den Kommunikationsprofi?

Computer lernen denken – einer der Trends, die die Welt im kommenden Jahr und darüber hinaus beschäftigen werden, ist das Thema kognitive Technologien. Neue intelligente Systeme haben das Potenzial, viele Berufe grundlegend zu verändern. Welche Möglichkeiten ergibt das für den Alltag eines Kommunikationsprofis? Wie könnte die kognitiv unterstütze Kommunikationsarbeit aussehen?

1957 veröffentlichte der Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russel einen kleinen Essay mit dem Titel: Lob des Müßiggangs. Es handelt sich dabei keineswegs um eine Laudatio auf Faulheit und Prokrastination. Russels Gedanke lautet vielmehr sinngemäß so: Wir entwickeln Technik, um uns die Arbeit zu erleichtern. Die Fortschritte hierin sollten es ermöglichen, dass die Menschen für ihren Lebensunterhalt weniger arbeiten müssen. In der gewonnenen Zeit soll er sich dem Müßiggang widmen dürfen. Wobei Müßigkeit nicht gleichzusetzen ist mit Nichtstun. Russel beschreibt diesen Modus stattdessen wir folgt:

„Wenn auf Erden niemand mehr gezwungen wäre, mehr als vier Stunden täglich zu arbeiten, würde jeder Wissbegierige seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können und jeder Maler könnte malen, ohne dabei zu verhungern, und wenn seine Bilder noch so gut wären. Junge Schriftsteller brauchten nicht durch sensationelle Reißer auf sich aufmerksam zu machen, (… ). Die Ärzte werden Zeit haben, sich mit den Fortschritten auf medizinischen Gebiet vertraut zu machen, die Lehrer werden sich nicht mehr erbittert bemühen müssen, mit routinemäßigen Methoden Dinge zu lehren, die sie in ihrer Jugend gelernt und die sich in der Zwischenzeit vielleicht als falsch erwiesen haben. Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben, statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung.“

Nach Russels Vorstellungen sollte der technologische Fortschritt dem Menschen also den Rücken frei halten, damit er sich wesentlicheren (kreativeren, schöpferischen) Aufgaben widmen kann. Die freie Muße kann er nutzen, um über seine Grenzen hinaus zu denken und von diesem „Draußen“ Neues zurück zu bringen.

Derzeit feiern wir einen technologischen Quantensprung, der auf einen Schlag sehr viel Routinearbeit von unseren Schultern zu nehmen verspricht. Die Rede ist von kognitiven Technologien. Dabei handelt es sich um neuartige Computersysteme, die man mit großen Mengen an Texten und Bildern (sogenannte unstrukturierte Daten) füttern kann. Die Systeme sind nicht nur in der Lage, diese Informationen blitzschnell und selbstständig zu verarbeiten, sondern auch fähig, eigene Schlüsse zu ziehen und aus Erfahrungen zu lernen. Außerdem können sich einige dieser Systeme mittlerweile mit ihren menschlichen Input-Gebern in natürlicher Sprache unterhalten. Der Prototyp eines solchen Systems ist IBM Watson. Es ist vor einigen Jahren sogar in der US-Quizsendung Jeopardy aufgetreten (und hat gewonnen).Nach Russels Vorstellungen sollte der technologische Fortschritt dem Menschen also den Rücken frei halten, damit er sich wesentlicheren (kreativeren, schöpferischen) Aufgaben widmen kann. Die freie Muße kann er nutzen, um über seine Grenzen hinaus zu denken und von diesem „Draußen“ Neues zurück zu bringen.

Perfekte persönliche Assistenten

Heute werden kognitive Systeme wie IBM Watson bereits in der Arbeitswelt eingesetzt. Sie helfen Medizinern bei der Diagnostik, Finanzdienstleistern bei der Optimierung ihrer Angebote oder Servicemitarbeitern bei der Kundenbetreuung. Auch werden sie in Zukunft den Alltag am klassischen PC-Arbeitsplatz intelligent assistierten, also zum Beispiel E-Mails priorisieren und automatisch beantworten oder Informationen vorsortieren und präsentieren. Sie werden dabei lernen, sich auf die Bedürfnisse ihres menschlichen Nutzers bestmöglich einzustellen.

Wie könnte eine solche intelligente Unterstützung für die Aufgaben eines Kommunikationsmanagers oder -beraters aussehen? Dessen tägliche Arbeit ist vielseitig und bunt, Routineaufgaben wechseln mit kreativen Herausforderungen. Das Spektrum reicht von der Entwicklung von Strategien und Stories über Kampagnenplanung und Kontaktpflege bis hin zu Events und Erfolgsmessung. Werfen wir einen Blick auf einzelne Bereiche.

Standard-Büroaufgaben schneller loswerden

Trotz aller modernen Kommunikationsmittel ist die E-Mail wohl noch immer das wichtigste Kommunikationsmittel in unserer Branche – und damit der größte Zeitfresser. 150 bis 200 neue E-Mails ploppen jeden Tag in der Inbox eines Kommunikationsberaters auf, und das dürfte konservativ geschätzt sein. Aber auch wenn die meisten davon keine unmittelbare Aktion erfordern, bedeutet das Sichten und Priorisieren der Nachrichten im horizontalen Zeitstrom viel Aufwand. Ein kognitiver Assistent könnte hier an allen und Ecken helfen: die wirklich wichtigen E-Mails vorziehen, individuell passende Text-Versatzstücke für die Beantwortung liefern, Standard-Bestätigungen automatisch schicken, verlangte Dokumente selbständig anhängen, wichtige und aktuelle Informationen zu einer aktuellen Anfrage gleich beilegen.

Nehmen wir zum Beispiel an, ein bis dato noch nicht bekannter Journalist fragt per E-Mail ein Interview an. Jetzt könnte der kognitive PR-Assistent gleich dessen Vita aus den öffentlich verfügbaren Quellen kompilieren. Außerdem könnte er Links und idealerweise gleich Kurzzusammenfassungen der letzten Veröffentlichungen des neuen Kontakts beilegen. Das wäre eine enorme Hilfe.

Informationen gleich zur Hand

Die Kommunikationsbranche ist ein informationsintensives Geschäft. Der Kommunikationsprofi muss hier immer am Ball bleiben und über die neuesten Entwicklungen in seinem Themengebiet stets Bescheid wissen. Entsprechende Monitoring-Tools hat er dafür bereits. Viel Zeit verbringt er aber damit, aus ihnen die entscheidenden herauszufiltern und für einen bestimmten Zweck aufzubereiten, also etwa in eine Pressemitteilung, einen Byliner, einem Blogbeitrag oder einem Report für die Chefetage.

Auch hier könnte ihn der kognitive PR-Assistent unterstützen. Er könnte die wichtigen Informationen von den weniger wichtigen trennen, Trendthemen aufspüren, Coverage-Templates automatisch befüllen (nachdem er gelernt hat, wie sein Mensch es macht), ja, er könnte sogar zu Kampagnen-Brainstormings hinzugezogen werden und Fragen zu Markt und Thema beantworten.

Angenommen, es ginge um die Markteinführung eines neuen Schokoriegels. Hier könnte das intelligente System zum Beispiel die Botschaften der Wettbewerber recherchieren und analysieren. Aufgabe des Kommunikationsprofis wäre es dann, Kampagnen zu kreieren, die sich davon erfolgsversprechend unterscheiden.

Events bestmöglich managen

Ein Klassiker unter den Aufgaben des Kommunikationsprofis ist die Messe- und Eventkommunikation. Das Spektrum an Aufgaben bei der Eventorganisation ist breitgefächert: Konzeptentwicklung, Terminfindung, Timeline aufstellen, Stakeholder einladen, Präsentationen gestalten und Dokumente finalisieren, Sprecher briefen, Location checken, Video-Teams einweisen, Livestream organisieren und vieles, vieles mehr.

Keine Frage, dass auch hier kognitive Systeme in vielen Belangen helfen könnten. Sie können zum Beispiel die aktuellsten Informationen für die Präsentationen herbeischaffen, Briefings für die Teilnehmer erstellen, prüfen, ob die Termine nicht mit anderen Branchenevents kollidieren und vieles mehr. Interessant wäre es auch, hier die Selbstmanagement-Fähigkeit der Systeme zu nutzen. So könnten sie auf Basis der vergangen Events „lernen“, welche Elemente das perfekte Event umfassen muss und eine entsprechende Checkliste ausarbeiten.

Zugegeben, in diesem frühen Stadium der Entwicklung klingt das alles noch etwas spekulativ. Es ist aber spannend, wie die neuen Möglichkeiten die Phantasie anregen. Die beschriebenen Szenarien streifen die neuen Chancen ja lediglich. Vieles ließe sich zum Beispiel noch zu Themen wie Texterstellung oder Erfolgsmessung ausmalen. Auch gibt es sicher auch kritische Punkte: Wie gründlich werden zum Beispiel die Kommunikationsmanager der Zukunft ihr Handwerk beherrschen, wenn sie so viele Basics der Maschine überlassen?

Jedenfalls leuchten die Vorteile der neuen kognitiven Technologien ein, die Szenarien scheinen plausibel. Man darf also gespannt sein, was die routinemäßig befreiten Kommunikationsprofis mit ihren zukünftigen kreativen Freiräumen anfangen werden.

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