Umgangsformen: Digitale Zeiten, digitale Sitten

Umgangsformen im Digitalzeitalter ändern sich

Kein Nachrichten-Stream geht mehr vorüber, ohne die Feststellung, dass die Digitalisierung mittels neuer Technologien so ziemlich alles verändern wird. Im Zuge dieser vielschichtigen Diskussion haben wir uns gefragt, welche Auswirkungen dieser rasante technologische Wandel denn eigentlich auf unsere Umgang miteinander hat. Wie verändert die Digitalisierung unsere Umgangsformen?

Der Situation angepasste Kleidung – wie bitte?

War früher die Freizeitkleidung innerhalb der Geschäftsumgebung regelrecht verpönt, beobachtet man heute oft andere Umgangsformen. Egal ob Chefetage oder Mittel-Management, die sogenannte Casualisierung durchzieht viele Firma. Immer mehr Mitarbeiter nehmen sich die Freiheit, in Jeans, legeren Sweatshirts oder auch Schuhen mit freigelegten Zehen ins Büro zu kommen.

Zu verdanken haben wir das unter anderem sicherlich auch Typen wie dem legendären Apple-Gründer Steve Jobs. Er scherte sich nie darum, welche nun gerade die gängige Business-Etikette war, sondern bestritt jede Produkt-Präsentation immer im selben revolutionären Outfit: schwarzer Rolli und Bluejeans. Das tat er dann so oft, dass er sich damit nicht nur selbst zur Marke machte, sondern sein Dresscode langsam auf die übrigen IT-Unternehmen übergriff. Auch wenn das etwas dauerte.

Es begann mit dem Casual Friday. An diesem Freitag hatten alle Mitarbeiter dann die Erlaubnis von ganz oben, in legerer Kleidung im Büro erscheinen zu dürfen. Erst die Überkniehose im Safari-Stil, dann das Freizeithemd aus dem letzten Urlaub. Und der Chef schlenderte ganz locker ohne Krawatte über den Flur. Und was einst nur am Freitag erlaubt war, greift allmählich immer stärker auch auf die restlichen Wochentage über. Besonders kann man das in Meetings beobachten, in denen die IT mit am Tisch sitzt. Da die Technologie mittlerweile Teil einer jeden Strategiediskussion ist, wird meist fachübergreifend zusammengesessen. Das färbt ebenfalls auf das sonst eher biedere Kleider-Verständnis der Kollegen ab.

Distanzzonen einhalten – von wegen

 Deutsche Anredegepflogenheiten nerven ausländischen Geschäftspartner seit jeher. Denn sie wissen, ob man jemanden mit Du oder Sie anredet, hat es etwas mit dessen Position im Unternehmen zu tun. Man hat sich dann kurzerhand die Faustregel eingeprägt: Chef siezen und gleichgestellten „German Colleague“ duzen.

Auch geprägt durch das angloamerikanische Miteinander vieler IT-Firmen sowie dem Work-Life-Lebensgefühl, das auch im Büro stattfinden soll, hat in den letzten Jahren das „Du“ das „Sie“ weitgehend als Umgangsform abgelöst. Man brüstet sich öffentlich mit flachen Hierarchien, Managementkontakt auf Augenhöhe, fachübergreifende Teamarbeit „auf Du und Du“ mit dem Chef. Denn wer duzt, wird zurückgeduzt und schafft Nähe.

Eine allzu unbeschwerte Distanzlosigkeit bringt allerdings auch Nachteile mit sich. Zum Beispiel wenn die Hierarchie bleibt und der Knigge geht. Einen Mitarbeiter, den man duzt, kann man eben nicht so leicht vor die Tür setzen oder ermahnen, wie jemanden, den man siezt. Auffällig in IT-geprägten Organisationen ist auch, dass sich Chefs oder Führungskräfte untereinander duzen, ihre Mitarbeiter aber siezen. Diese Form entsteht häufig durch wirkliche Freundschaft oder die unmittelbare Zusammenarbeit im Tagesgeschäft. Wenn das Du allerdings plötzlich der gesamten Belegschaft angeboten und die „Du-Kultur“ gar per Pressemitteilung verkündet wird, steckt meist ein anderer Beweggrund dahinter. Diese Unternehmen wollen der Öffentlichkeit signalisieren, dass sie ein attraktiver Arbeitgeber ohne verstaubte Strukturen sind und meinen, den Zeitgeist durch ihre Duz-Kultur wiederzuspiegeln. Die spannende Frage ist nur, bringt diese Ankündigung tatsächlich die beschworenen Wohlfühl-Vorteile für die Mitarbeiter und lockt sie neue Bewerber an.

E-Mail Etikette – sag mir welche Plattform Du nutzt, und ich sag Dir wie Dein Benehmen ist

Dieser Aspekt schlägt tatsächlich ein bisschen aus der Art, denn für ihn gibt es keine guten alten Umgangsformen. Es geht darum, welche Software Unternehmen denn einsetzen, um intern (oder auch extern mit Partnern) zu kommunizieren. Was einmal mit einfachen Microsoft Office Paketen anfing, ist heute zu undurchsichtigen Szenarien ganz unterschiedlicher Softwareanwendungen angeschwollen. Sag mir, welche Plattform du nutzt, und ich sage Dir, wie Dein Benehmen ist.

Da gibt es die klassische E-Mail für die individuelle eher isolierte Kommunikation von A nach B. Dann gibt es da noch Microsoft SharePoint oder IBM Connections für den Austausch im Team, Ablage von Dokumenten, dem gemeinsamen Arbeiten an Dokumente und gemeinsamen Aktivitäten, und nicht zu vergessen, das easy-to-use Tool Slack, besonders beliebt in der Berliner Start-up Szene und den Digital Gurus innerhalb einer größeren Firma.

Diese Werkzeuge pflegen nicht immer die höflichsten Umgangsformen. Mitarbeiter nutzen die Anwendung und kommen sofort zur Sache, keine Anrede kein „mit besten Grüßen“, sondern nur kurz und prägnant auf das Wesentliche beschränkt. Im Zuge der neuen Social Media geprägten Kommunikationslogik war das zwar zu erwarten. Aber damit leidet der höfliche Umgang miteinander. Effizienter im Team arbeiten schön und gut, aber bitte nicht auf Kosten den guten Tons. Ein Bitte und Danke anstatt eines Jas oder Neins würde da schon merklich zur positiven Atmosphäre beitragen – egal um welche Software es geht.

Wer macht die Umgangsformen im Digitalzeitalter

Andere Zeiten, andere Sitten heißt es. Und da wir jetzt ins Digital-Zeitalter übergehen, ist damit zu rechnen, dass die Veränderungen auch die Umgangsformen beeinflussen. Doch von welcher Qualität diese sein werden, liegt noch immer in unserer Hand.

 

 

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Silvia Hänig
Silvia Hänig Inhaberin der Kommunikationsberatung iKOM in München, bekennender Communication Strategist, Coffee-Junkie und Fan vielfältiger Medienwahrheiten.
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Posted by Silvia Hänig

Silvia Hänig Inhaberin der Kommunikationsberatung iKOM in München, bekennender Communication Strategist, Coffee-Junkie und Fan vielfältiger Medienwahrheiten.

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