Bar Talk zu: Datenjournalismus

Den Datenjournalisten – ein Begriff der im Internet ganz vorne, im praktischen Redaktionsalltag aber eher ganz hinten zu stehen scheint – aus Fleisch und Blut wollte ich finden. Einer, der diesen Titel zwar nicht trägt, aber eine klare Meinung dazu hat, ist Constantin Gillies aus Köln. Der Wirtschaftsjournalist ist seit über 15 Jahren im Geschäft und beglückt kleine wie große Publikationen regelmäßig mit Geschichten rund um das Internet. Mir hat er verraten, was Datenjournalismus für ihn bedeutet und wie sich dadurch möglicherweise der klassische Journalismus verändern wird.

Wenn Sie das Wort Datenjournalismus hören, woran denken Sie?

Das Wort löst Verwirrung bei mir aus. Es klingt nach verfassen von journalistischen Themen entlang von Algorithmen. In der Finanz- und Sportberichterstattung ist das ja schon gang und gäbe, da schreibt der Algorithmus die Meldung. Was völlig in Ordnung für mich ist, denn da geht es ja nur um das Zusammenfassen von ein paar Fakten.

Auch die Nutzung moderner Datenquellen fällt mir bei dem Begriff ein. Dennoch scheint er mir weder Begriff noch das dahinter liegende Berufsbild fest belegt zu sein.

Wie bringen Sie den Begriff mit der journalistischen Recherche zusammen?

Datenjournalismus klingt wie kalte Recherche. Und das hat nichts mit warmen kohlenstoffbasierten Lebensformen zu tun. Was ich meine: normalerweise greifen wir Journalisten bei der herkömmlichen Recherche immer noch auf das Wissen von Experten zu, indem wir mit ihnen sprechen. Das wäre die warme Recherche. Die kann man sich meines Erachtens auch im digitalen Zeitalter nicht einfach einsparen, indem man sich etwas „ergoogelt“. Gerade wenn es um spezifisches Fachwissen geht, ist die Suchmaschine kein Ersatz für das persönliche Gespräch. Der Journalist war immer schon der Datenfresser, nur kamen früher diese Daten in anderer Form, wie z.B. dem Zeitungsstapel oder dem Fax, zu ihm.

Heute geht es für Journalisten aber auch darum, Leser über mobile Endgeräte oder Tablets zu erreichen. Das heißt, um den Leser-Erwartungen formatgerecht zu begegnen, müssen sie plötzlich über einen ganz anderen Aufbau ihrer Geschichte nachdenken.

Das ist natürlich ein sehr wichtiger Aspekt. Das zentrale Wort hier ist Nutzwert. Nutzwertige Informationen, die den Leser weiterbringen. Was früher der Kasten oder die Checkliste war, erledigt heute die Infographik oder die App. Diese eher technische Aufbereitung der Geschichte gehört allerdings nicht notgedrungen zu den Kernkompetenzen des Journalisten. Das erledigt meist ein Content-Team innerhalb der Redaktion.

Was allerdings schon dazugehört, ist die Art und Weise, wie ich den Artikel schreibe. Soll heißen, wenn ich wichtige Worte fallen lasse, wird mein Beitrag bei Google besser gefunden. Dann muss man manchmal schon die Tag-Liste im Hinterkopf haben.

Ein renommierter Redakteur sagte kürzlich zu mir: Datenjournalistische Herangehensweise unterfüttert Online-Nachrichtenjournalismus mit Tiefe. Wie sehen Sie das?

Klingt für mich wie: mit einer Schippe wird mein Garten schön. Ich meine, dass es im Journalismus auch wenn das Wörtchen „Daten“ davorsteht, nicht darum gehen kann, anhand einer Headline Leser in die Geschichte zu ziehen, sie möglichst „Shareable“ zu machen und das war´s. Das ganze darf nicht zu sogenannter Clickbait werden, das wäre unseriös. Aber ich glaube, diese Art des Journalismus ist ohnehin wieder auf dem Rückzug. Obwohl ich sagen muss, ein bisschen klickwertiger darf´s bei den Fachpublikationen schon werden. Gerade wenn man sich nur mal die stinklangweiligen Überschriften anschaut – da fallen ständig Langweil-Worte wie „Prozess“ und „System“.

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Stichwort: Leserbeteiligung. Erwiesenermaßen reicht es nicht mehr aus, eine Geschichte zu publizieren und das war´s. Man will wissen, was Menschen über das Thema denken und sagen. Einem Medienhaus bringt das nicht nur Klicks sondern eröffnet möglicherweise auch neue Erlösquellen. Was ist davon zu halten?

Dazu gebe ich Ihnen ein Beispiel. Bei einer Veranstaltung habe ich beobachtet, wie eine Bloggerin aus den USA die gesamte Veranstaltung per Smartphone – Video Stream aufgezeichnet hatte. Anschließend während der Pressekonferenz meldete sich die Dame bei der Fragerunde. Sie teilte mit, dass sich bei ihr im Video-Stream gerade 1000 Menschen befinden, welche spezielle Fragen hätten. Sie hat dann die durchaus intelligenten Fragen ihrer Leser einfach nach vorne weitergereicht. Ich dachte mir, so funktioniert Leserbindung 2.0. Ich finde, davon könnten wir in Deutschland alle mehr vertragen.

Wo sehen Sie denn den (Daten)Journalismus in den nächsten Jahren?

Gehe ich vom Fachjournalisten aus, der bewegt sich klar in die Richtung der Bloggerin/Journalistin aus den USA. Er sollte in seiner Branche den Markt durchdringen und einen sehr engen Kontakt zu den Lesern halten. Quasi das 1:1 Bindeglied zwischen Markt und Leser. Andererseits muss er auch auf der gesamten Klaviatur der Medienkanäle spielen können. „Ein-Igeln“ in den Job des Schreibers geht nicht mehr; wer sagt „ich mache kein Video“ oder „engagieren Sie doch einen Fotografen“, wird es schwerhaben.

Ein radikales Umdenken wird überall dort passieren müssen, wo Quer-Subventionierung nicht mehr funktioniert. Erste Tendenz, wo die Reise hingehen kann, zeigt der News-Kanal von Facebook. Das soziale Netzwerk beteiligt den Autor der News an den Einnahmen aus dem Anzeigen-Geschäft. Das wird sehr interessant, gerade für freie Journalisten. Unter solchen Voraussetzungen kann es sich dann plötzlich wieder lohnen, eine Geschichte zu verfassen, die keiner hat.

Herr Gillies, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Bild via pixabay

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Silvia Hänig
Silvia Hänig Inhaberin der Kommunikationsberatung iKOM in München, bekennender Communication Strategist, Coffee-Junkie und Fan vielfältiger Medienwahrheiten.
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Posted by Silvia Hänig

Silvia Hänig Inhaberin der Kommunikationsberatung iKOM in München, bekennender Communication Strategist, Coffee-Junkie und Fan vielfältiger Medienwahrheiten.

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